Reise um mein Zimmer

Im Jahr 1794 lagen Weltreisen voll im Trend. Wer es sich leisten konnte, suchte schon damals sein Glück in der Ferne. In diesem Jahr machte auch der französischer Schriftsteller Xavier de Maistre eine Reise.
Und wie viele andere Reisende damals schrieb er einen Reisebericht.
Der Titel „Reise um mein Zimmer“ verrät aber schon, dass es sich um eine ungewöhnliche Reise und einen ungewöhnlichen Reisebericht handelt. Xavier de Maistre ist nämlich zu 42 Tagen Hausarrest verurteilt worden. Da macht er, der Reiselustige, einfach aus der Not eine Tugend und erfindet eine neue Art zu reisen: die Entdeckungsreise im eigenen Zimmer. Hin und her, diagonal, im Zickzack folgt er in seinem Zimmer   der Spur seiner Gedanken. Vom Bett, zum Lehnstuhl und weiter zum Schreibtisch geht seine Reise, die Gegenstände im Raum markieren seine Route.
Der Spiegel und die Bilder an der Wand regen ihn zu philosophischen Betrachtungen an, er taucht ein in die Schreibtischschublade und in eine Fülle von Erinnerungen.
Die Gegenstände, die er betrachtet, beflügeln seine Phantasie. Er entdeckt ihre Geschichte und mit ihr seine eigene Geschichte. Er begegnet Vertrautem, Unvermutetem und erobert einen wundersamen Kontinent voller ungeahnter Möglichkeiten. Und das alles auf ein paar Quadratmetern.

Heute - über 200 Jahre danach - ist dieser Reisebericht auf einmal wieder aktuell. Viele erleben ja auch gerade eine Art Hausarrest – wenn auch nicht als Strafe, sondern als Vorsichtsmaßnahme. Aber auch alle anderen sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dass es dieses Jahr wohl keine normalen Urlaubsreisen geben wird, das habe ich diese Woche immer wieder gehört.
Da legt es sich nahe, es einmal anders zu probieren: mit einer „Reise um mein Zimmer“. So vieles ist unserem Alltagsblick verborgen geblieben und wartet darauf, neu entdeckt oder überhaupt erst entdeckt zu werden. Da können ein kleines, enges Zimmer und ein enger Horizont ganz weit werden
Die Gedanken wollen auf Reisen gehen – der Flug kann jetzt schon bedenkenlos gebucht werden.
Die Reise auf den Flügeln der Phantasie kann dann auch eine Reise mit Gott und zu Gott werden. Und den Vers aus dem 139. Psalm verstehe ich dann noch einmal ganz neu:
„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten“.
In diesem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen eine gute Reise - und freue mich über jeden Reisebericht.

                          Ihr/ Euer   Ralf Böhme

© Ralf Böhme


 Dieser Text ist Teil der Reihe „Seelenfutter“: Die geistlichen Gedanken in stürmischen Zeiten der Pastoren der Paul-Gerhardt-Gemeinde.
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